Alaska

Heiligabend kam angekrochen und ich wollte weg. Als ich den letzten möglichen Platz in ein Flieger bekam ging er nach Anchorage. Klasse. Ich wollte immer schon ein mal nach Kanada. Ich nahm ihn. Aber ich hatte in der Schule nicht aufgepasst. Anchorage ist in Alaska. Auch nicht schlecht. Jedenfalls weit weg.

In Amerika musste ich noch ein oder zweimal umsteigen. Das ist so wie Bus fahren. Zwischen durch halten die Flieger irgendwo an, einige steigen aus, andere ein und weiter geht’s. Die Kiste wurde immer leerer, weil vernünftige Menschen nicht nach Alaska, sondern nach Hause schweben und das war in diesem Fall immer die andere Richtung. Ich war über 24 Stunden in der Luft. Der Whisky war gut und das Ziel abenteuerlich. Ich habe also so über das Leben nachgedacht und war leicht angezischt. Hatte ja eine gesamte Sitzreihe für mich. Wegen mir hätte die Kiste auch verzischen können, war egal. Irgendwie war ich glücklich. Unter mir Nacht und die Lichter der Städte die durch die Dunkelheit hoch glühten und über mir Sterne. Wahrscheinlich müssen sich Engel so fühlen, die sind ja ach in diesen Bereichen bewegen sollen. Mit dem Unterschied sie haben kein Whisky. Im Flugzeug waren nur noch ungefähr 10 People. Dann eine abrupte Zwischenlandung im Nirgendwo. Sanitäter kamen an Bord. Ein Indianer hatte ein Herzanfall. Ich betete, obwohl ich nicht gläubig bin, das der arme Kerl es überstehen würde. Die Jungs haben verdammt lange zwischen den Sitzen gearbeitet und als sie ihn nachher wegtrugen wusste ich nicht ob er lebte oder tot war.

Ich glaube in Anchorage stiegen außer mir noch 4 oder 5 Vereinsamte aus. Schneeberge an den Straßenseiten, Peitschenlampen warfen ein gelbes Licht auf menschenleere Straßen. In diese Nacht übernachtete ich in einem kalten Zimmer das fürchterlich nach alten Socken stank. Süßliche Verwesung. Ich holte mir die Decke vom Nachbarbett und schlief gut. Am nächsten Morgen erfuhr ich vom Manager das in diesem Zimmer vorher Obdachlose untergebracht waren. Im Winter bezahlt die Stadt die lehrstehenden Hotelzimmer, damit die vorwiegend einheimischen Obdachlosen nicht erfrieren. Eskimos und Indianer.

Ich lieh mir ein Auto und fuhr etwas durch die Gegend. Außerdem wollte ich ein Ticket um kurz vor Neujahr durch die Berge nach Fairbanks zu fahren. Aber im Winter ist die Strecke geschlossen also suchte ich eine Busverbindung von der ich gehört hatte. Aber das ist eine Andere Geschichte. Am Abend wollte ich dann Weihnachten feiern. Ich landete in einer riesigen Amerikanischen Bar die von einem noch größeren Parkplatz umzingelt war. Überall stiegen jede Menge Jungs und Mädel in Sommerklamotten aus ihren Autos. Geblondet, gehübscht und vollmanikürt. In der Bar ging die Post ab. Schrei, quietsch, lach, brüll. Ich spielte mit einem Typ Marke Surfer einige runden Tischfußball um jeweils eine Flasche Bier. Aber irgendwann verloren wir uns aus den Augen und ich sah mir sich überschlagende Rennboote auf einem Video Screene an, quatschte mit einigen älteren Typen über Waffen und wo hier in der Gegend der beste Store sei um welche zu kaufen. Einer fragte mich warum Hitler immer noch Krieg führt. Damals war im Kosovo gerade Krieg. Klar Europa ist weit weg und da konnte man schon mal was durcheinander bekommen. Draußen schneite es wie Hölle und einige Tage später las ich in der Zeitung das in jener Nacht zwei Kids, die betrunken nur  in einem T- Shirt unterwegs waren, erfroren sind. Man fand sie auf den Gleisen. Sie hatten sich unter einem alten Wagon verkrochen. Aber das wusste ich in diesem Moment nicht und ich dachte mir, jetzt sitzt du hier am Ende der Welt und es ist heilig Abend. Das ist verdammt schräg. Ich bestellte vier Drinks und einen für mich  die ich  in Reihe vor mich stellte. Dann trank ich auf meine vier besten Freunde.  Ein Schluck aus meinem und stellvertretend für sie ihr Glas. Eine angemessene Geste der Freundschaft. Ich kam gut in Schwung. In dem Moment vermisste ich sie schon ein wenig aber bevor mir eine Träne aus dem Knopfloch quoll, explodierte mal wieder ein Rennboot oder ein Motorrad Fahrer fuhr gegen eine Wand. Ich weiß es nicht mehr genau aber ich merkte das es ein Video über verschiedenen Tötungsvarianten des Motorsports war. Klasse. Irgendjemand rammte meinen Rücken und ein Drink ging verloren. Egal die ganze Bar war voller Drinks, die Mädels rochen nach Liter Flaschen von Atomparfum und einige waren blond wie Rauschgoldengel. Nicht alle, aber genug für meine Augen. Ich quatschte mit diesem oder jener und gab jedem im nahen Umkreis Feuer. Damals waren Bars noch Nichtraucher freie Zonen, Trinken war gesellschaftsfähig und dicke Autos mit 5 Liter Motor ein Muss für einen Mann. Es war warm und wurde immer wärmer, die schwitzenden Leiber heizten die Bude auf, Haut rieb sich an Haut, der Alk kroch prickelnd und summend ins Hirn, die Luft voller Liebe und Einigkeit und ich wartete das vielleicht noch der Weihnachtsmann auftauchen würde. Tat er nicht.  Statt dessen hatte er einige Stellvertreter geschickt die man an ihren Nikolausmützen auf dem Kopf erkannte. Bei den Typen sah es reichlich dämlich aus weil sie keinen mächtigen Bauch oder Bart hatten. Aber bei den Mädels hätten alleine die Mützen gereicht und sonst nichts. Aber weitere philosophische Betrachtung zerplatzten, weil mich irgendjemand irgendetwas fragte. Er sah er aus wie ein zu früh verblühter Goldsucher oder Bärenfänger. Aber er war ein zäher Frager weil er mitbekommen hatte das ich ein Deutscher war und er wollte unbedingt wissen ob ich auch eine ” blackwood clock” hätte. Seine bekannten in Deutschland hätten auch so ein Ding. Ich kam nicht drauf was er meine, also bestellte ich noch eine Runde für meine Freunde und Ihn. Und einen zusätzlichen Drink für den Indianer aus dem Flugzeug. Das fand der Kerl hochanständig und sagte das er immer schon wußte das die Deutschen good guys seien. Auf Italiener, Franzoden, Juden und Engländer und auch die Cinesen sei geschissen. Das ein Amerikaner auch auf die Engländer scheißt verwunderte mich. Natürlich sagte er nicht geschissen sondern fuck. Der Barmann lachte mich an als er neue Drinks vor mich stellte und fragte, ob das auch einer meiner guten, alten Freunde sei.  Ich griff seine Idee auf und fand es gut einen neuen, alten  Freund zu haben der  alles fucking good oder fucking bad  fand. Wir begossen gemeinsam alle befuckten und tranken auf die fucking schönen Mädchen. Er war Pilot von einem dieser komischen Flugzeugen die Insektiziede über Felder versprühen und arbeitete für eine Firma die Rasen für Golfanlagen züchtete. Seine Ex wohnte hier und als ihn die Traurigkeit nach alten Zeiten überwältigte hatte er die Idee eines Überaschungsbesuchs. Leider machte ihr Neuer die Tür auf. Der fand seine Idee garnicht schlecht. Weihnachten das Fest der Liebe. Aber seine fucking Ex erschien mit einem neuen fucking Baby in der weihnachtsdekorierten Tür und fuckte ihn off und so trafen wir uns hier in dieser verfuckten Bar. Ich erzählte von meiner Ex und wir waren ein Herz und eine Seele. Eine Runde später sagte er, wenn ich ihn besuchen in Orlando , besuchen würdekönne ich mal mitfliegen und auch mal steuern. Könne in seinem Trailer auch übernachten. Und da gebe es auch gute Bars und noch bessere Girls al in diesem verfuckten Goldgräberschuppen. Klasse. Mich durchlief ein wohliger Schauer. Was war die Welt so groß und schön, voller Gelegenheiten und Abentheuern, man muße nur zupacken.  Es war einfach alles gut. Ich dachte, das Leben kann eine fucking guter Scheiß sein. Jedenfalls an einem Heilig Abend in einer vollen Bar in Alaska.

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