Tote Telefone

Ein Telefon bimmelt. Der Ton verklingt ungehört in der Dunkelheit. Wer hat angerufen? Draußen glüht die Nacht über der Stadt. Autoscheinwerfer fressen sich anonyme durch die Straßen. Der Mond schwebt kalt und feindlich über der Stadt. Die Menschen sind unruhig. Die Bullen sind in Alarmbereitschaft. Es geschieht zu viel in diesen Nächten. Die Menschen suchen. Sie suchen alle etwas. Sie betäuben sich vor dem Grauen des Lebens. Vor der nicht erfüllten Liebe, vor ihrem wahren Spiegelbild den unerfüllbaren Wünschen. Die Einen. Die anderen haben Geld, haben scheinbar alles und haben alles gehabt, sich jeden Wunsch erfüllt. Sie wollen den Kick damit sie nicht in Langeweile ersticken.  Wer war am Telefon. War es eine Nachricht oder ein Hilferuf. Es gibt immer welche die aus Verzweiflung für Geld alles tun. Und es gibt die die Verzweiflung schamlos ausnutzen. Sie lauern auf das Ereignis, die Nacht die ihnen die Langeweile nimmt. Sie organisieren Knicks. Sie kaufen alles und jeden. Sie kaufen die die Kicks besorgen. Und seien sie noch so abgründig. Sie suchen die, die Antwort und die Rettung in der Dunkelheit suchen. Im Rausch, im Verbrechen, im Sex, im geheimnisvollen Ritual. Der Mond hat sich ihrer bemächtigt. Telefonanrufe in der Nacht. Die die keiner annimmt. Telefone stehen in Wohnungen und Orten die schon lange unbewohnt sind. Und wenn zufällig einer an diesen Orten weilt, so hat er Angst oder ist zu müde den Hörer abzunehmen. Müde vom Leben. Angst vor dem Leben. Angst vor dem Nichts und der Bedeutungslosigkeit. Es gibt keine Erlösung. Keine Zuwendung. Nicht einmal ein Blick. Keiner hört sie. Sie hören sich selber nicht mehr. Sie starren nur noch in die dunklen Schächte ihrer Seelen.  In kurzen erschreckenden Momenten können sich beide begegnen. Die die in der Dumkelheit warten und die die  ihre Ödnis vergessen machen wollen. In kurzen erschreckenden Momenten verglühen sie aneinander. Die einen verschwinden für immer, die Anderen haben es in der nächsten Nacht vergessen.

Aber die Telefone melden sich weiter in der Nacht. Die Anrufe die nie beantwortet werden – bei den keiner den Hörer abnimmt – bei denen keine Stimme zu hören ist. In denen nur ein totes Flüstern in der Leitung ist – Verzweiflung die von der Dunkelheit gefressen wird. Die Dunkelheit zwischen den Lichtern der Bars und Restaurants und Theatern. Aber unter allen lauern die Schächte. Die Schächte der Seelen.

Eine sehr alte Story von mir. Ausgelöst durch einen kleinen Zeitungsartikel.

Comments
One Response to “Tote Telefone”
  1. ALF sagt:

    Diese Geschichte ist aus dem Band “Kalter Krieg”. Ist der eigentlich immernoch indiziert? Hoffentlich macht der Jugendschutz jetzt nicht den Blog dicht. :mrgreen:

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